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Sachzwänge in der kapitalistischen ÖkonomieSystemic Necessities in the Capitalist Economy

Wie acht systemische Zwänge auseinander hervorgehen, was sie rechtfertigt — und an welcher Stelle das System pathologisch wird. Die Verkettung beginnt mit drei Marktzwängen, setzt sich über drei Wettbewerbszwänge fort und schließt mit zwei Wachstumszwängen, von denen einer maligne ist.

How eight systemic imperatives generate one another, what justifies them — and at which point the system turns pathological. The chain begins with three market imperatives, continues through three competition imperatives, and closes with two growth imperatives, one of which is malign.

Nach: Kettner, M. / Vogel, T. (2021): Sachzwänge in der kapitalistischen Ökonomie. Ihre Strukturen und Ambivalenzen, in: zfwu — Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 22/2, 287–311, doi:10.5771/1439-880X-2021-2-287. Seitenzahlen in Klammern verweisen auf den Aufsatz; die Formeln der acht Zwänge folgen wörtlich dessen Abbildung 1 (293).

After: Kettner, M. / Vogel, T. (2021): Sachzwänge in der kapitalistischen Ökonomie. Ihre Strukturen und Ambivalenzen [Systemic necessities in the capitalist economy. Their structures and ambivalences], in: zfwu — Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 22/2, 287–311, doi:10.5771/1439-880X-2021-2-287. Page numbers in brackets refer to the paper; the formulas of the eight imperatives follow its Figure 1 verbatim (293).

Begriffsrahmen — was ein Sachzwang istConceptual frame — what a Sachzwang is

ARhetorik vs. genuiner ZwangRhetoric vs. genuine necessity

Sachzwang-Rhetorik suggeriert ideologiefreie Alternativlosigkeit; ihr locus classicus ist Thatchers »there is no alternative«. Sie versteckt Verantwortlichkeiten, lähmt die Erwägung von Alternativen und macht politische Gestaltungsfreiheit unsichtbar (290).

Sachzwang rhetoric suggests ideology-free no-alternatives; its locus classicus is Thatcher's "there is no alternative". It hides responsibilities, paralyses the weighing of alternatives, and renders political latitude invisible (290).

Genuine Sachzwänge dagegen liefern täuschungsfrei starke Gründe: So, wie die Dinge stehen, kann man vernünftigerweise nicht anders wollen (290 f.).

Genuine necessities, by contrast, supply deception-free strong reasons: as things stand, one cannot reasonably will otherwise (290 f.).

BAnankastische NotwendigkeitAnankastic necessity

Der Modus, in dem genuine Sachzwänge nötigen, ist weder naturgesetzlich (nomisch), noch logisch, noch brutal (gewaltsam): Er ist anankastisch — von den Zwängen des Lebens her benannt, verwurzelt in der Bedürftigkeit einer Lebensform, die von Mitwelt und Mitmenschen abhängt (291).

The mode in which genuine necessities compel is neither natural-lawlike (nomic), nor logical, nor brutal (violent): it is anankastic — named after the compulsions of life itself, rooted in the neediness of a form of life that depends on its environment and on other people (291).

Prüfkriterien: (1) integre, täuschungsfreie Prüfung der Gründe; (2) die Rebus-sic-stantibus-Klausel. Beispiel eines genuinen Sachzwangs: die Nötigung zu wirksamer Klimapolitik (290 f.).

Test criteria: (1) an honest, deception-free examination of the reasons; (2) the rebus-sic-stantibus clause. An example of a genuine necessity: the compulsion toward effective climate policy (290 f.).

CRebus sic stantibusRebus sic stantibus

Jeder Sachzwang ist relativ auf eine Lage der Dinge, die selbst veränderbar ist. Zur Ethik der Sachzwänge gehört darum die Frage, wer oder was diese Lage herbeigeführt hat und aufrechterhält (291).

Every Sachzwang is relative to a state of affairs that is itself changeable. The ethics of systemic necessities therefore includes the question of who or what brought this state about and keeps it in place (291).

Dabei ist der Marktzwang niemandem persönlich zurechenbar: Er kumuliert aus den marginalen Zwängen aller Beteiligten — ein unpersönlicher Funktionsmechanismus (Ulrich) (291).

At the same time, market compulsion is personally attributable to no one: it accumulates from the marginal pressures of all participants — an impersonal functional mechanism (Ulrich) (291).

Das Schaubild — die Verkettung der acht ZwängeThe diagram — the chain of the eight imperatives

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Kausalschaubild der acht Sachzwänge nach Kettner/Vogel 2021 Vertikale Kette: Einkommenszwang, Investitionszwang, Gewinnzwang (Marktzwänge); Produktivitätszwang, Innovationszwang, Reinvestitionszwang (Wettbewerbszwänge); kapazitätenakkumulativer und vermögensakkumulativer Wachstumszwang (Wachstumszwänge). Jeder Kasten verlinkt auf seinen Detailabschnitt. AUSGANGSLAGE STARTING CONDITION Markttausch verdrängt Subsistenzwirtschaft, Reziprozität und Redistribution (293 f.) market exchange displaces subsistence economy, reciprocity and redistribution (293 f.) ohne Subsistenzoption wird Bedarfsdeckung kaufkraftabhängig (292, 294) without a subsistence option, meeting needs depends on purchasing power (292, 294) I — MARKTZWÄNGE MARKET IMPERATIVES 1 EINKOMMENSZWANG the income imperative + − Auskommen braucht Einkommen. Making a living requires income. Einkommen erfordert Produktion für Märkte — dafür: monetärer Vorschuss auf Produktionsmittel (295 f.) income requires producing for markets — which takes a monetary advance on means of production (295 f.) 2 INVESTITIONSZWANG the investment imperative + − Einkommen braucht Investitionen. Income requires investment. der Rückfluss muss den Vorschuss übersteigen, sonst zehrt die Investition das Einkommen auf (296) the reflux must exceed the advance, else the investment consumes the income (296) 3 GEWINNZWANG the profit imperative + − Einkommen auf Basis von Investitionen braucht Gewinn. Income based on investment requires profit. im Wettbewerb hält Gewinn nur, wer bei der Produktivität mindestens mitzieht (297) under competition, profit lasts only for those who at least keep pace in productivity (297) BEDINGUNG CONDITION Wettbewerb — politisch stabilisiert durch gesetz- liche Rahmenordnung (297) competition — politically stabilised by a legal framework of rules (297) II — WETTBEWERBSZWÄNGE COMPETITION IMPERATIVES 4 PRODUKTIVITÄTSZWANG the productivity imperative + − Stetiger Gewinn unter Wettbewerbsbedingungen braucht stetige Produktivitätssteigerung. Steady profit under competitive conditions requires continual productivity increases. Arbeitsintensität und Arbeitsteilung stoßen an Grenzen — unbegrenzt steigerbar erscheint nur technologischer Fortschritt (298) labour intensity and division of labour hit limits — only technological progress appears extensible without limit (298) 5 INNOVATIONSZWANG the innovation imperative + − Stetige Produktivitätssteigerung braucht kapitalintensiven technologischen Fortschritt — selbstbezüglich, selbstverstärkend, bislang unbegrenzt fortsetzbar erscheinend. Continual productivity increases require capital-intensive technological progress — self-referential, self-reinforcing, so far seemingly extensible without limit. selbstverstärkend: jede Neuerung eröffnet weitere (298 f.) self-reinforcing: each innovation opens further ones (298 f.) im Innovationswettbewerb muss der Kapitalstock im Takt des Fortschritts erneuert werden (298) in innovation competition the capital stock must be renewed in step with progress (298) 6 REINVESTITIONSZWANG the reinvestment imperative + − Die Anwendung produktiverer Technologien erfordert stetige Reinvestition zur Modernisierung des Kapitalbestands. Applying more productive technologies requires continual reinvestment to modernise the capital stock. Reinvestitionen erhöhen den nötigen Gewinn (298) reinvestment raises the profit required (298) steigende Reinvestitionskosten sind dauerhaft nur aus wachsendem Gesamteinkommen zu decken (303) rising reinvestment costs can be covered durably only out of growing aggregate income (303) BEDINGUNG CONDITION steigende Kapitalintensität: mehr und teureres Sachkapital je Arbeitskraft (Kaldor) (303) rising capital intensity: more and costlier capital per worker (Kaldor) (303) III — WACHSTUMSZWÄNGE GROWTH IMPERATIVES 7 KAPAZITÄTENAKKUMULATIVER WACHSTUMSZWANG capacity-accumulation growth + − Für stetige Gewinne unter Bedingung steigender kapitalintensiver Reinvestitionskosten braucht es Wirtschaftswachstum. Steady profits under rising capital-intensive reinvestment costs require economic growth. unter konzentriertem Vermögen wird Wachstum zur Quelle einer malignen Eigendynamik (305 f.) under concentrated wealth, growth becomes the source of a malign momentum (305 f.) BEDINGUNG CONDITION starke Einkommens- und Vermögensungleichheit — verschärft: Standortwettbe- werb, rückläufige Steuerprogression (301, 305) strong income and wealth inequality — sharpened by locational competition and receding tax progression (301, 305) 8 VERMÖGENSAKKUMULATIVER WACHSTUMSZWANG MALIGNE MALIGN wealth-accumulation growth imperative Wachstum unter starker Ungleichheit erzeugt eine gewinnbedrohende Konsumlücke — der Zyklus unten macht Wachstum nötig und hemmt es zugleich (305 ff.) Growth under strong inequality produces a profit- threatening consumption gap — the cycle below makes growth necessary and inhibits it at once (305 ff.) KONSUMLÜCKE CONSUMPTION GAP je massiver die Ungleichheit, desto schwächer die Konsumnachfrage (305 f.) the more massive inequality, the weaker consumer demand (305 f.) ANLAGESUCHENDES KAPITAL CAPITAL SEEKING RETURNS Finanzanlagen schlagen Real- investitionen; Kurse steigen selbstverstärkend (306) financial assets beat real investment; prices rise self-reinforcingly (306) KREDITAUSWEITUNG CREDIT EXPANSION Kredite an Haushalte und Staaten kompensieren die Konsumlücke (306) credit to households and states compensates the consumption gap (306) STEIGENDE GEWINNANSPRÜCHE RISING PROFIT CLAIMS Vermögen und Schulden akkumulieren; ihre Bedienung braucht Wachstum (306) wealth and debt accumulate mirror-image; servicing them requires growth (306) braucht Wachstum — hemmt Wachstum (307) requires growth — inhibits growth (307) krisenverstärkend und zugleich wachstumshemmend — die Kompensation trägt nur, bis die Blase platzt (306 f.) crisis-amplifying and growth-inhibiting at once — the compensation holds only until the bubble bursts (306 f.) Rückwirkung des malignen Zwangs: verschiebt die recht- fertigbaren Markt- und Wett- bewerbszwänge ins Negative — zwanghaft-pathologisch (307) the malign imperative's feedback: it shifts the justifiable market and competition imperatives into the negative — compulsively pathological (307) »Mindestens einer der aufgewiesenen Sachzwänge ist ein maligner.« "Among the systemic necessities at least one is of a malign kind." Kettner/Vogel 2021, Abstract (287) — Begründung: Abschnitt 8 unten Kettner/Vogel 2021, abstract (287) — argument: section 8 below
  1. AUSGANGSLAGESTARTING CONDITIONMarkttausch verdrängt Subsistenzwirtschaft, Reziprozität und Redistribution (293 f.)market exchange displaces subsistence economy, reciprocity and redistribution (293 f.)
  2. ohne Subsistenzoption wird Bedarfsdeckung kaufkraftabhängig (292, 294)without a subsistence option, meeting needs depends on purchasing power (292, 294)

  3. I — MARKTZWÄNGE · MARKET IMPERATIVES
  4. Einkommen erfordert Produktion für Märkte — dafür: monetärer Vorschuss auf Produktionsmittel (295 f.)income requires producing for markets — which takes a monetary advance on means of production (295 f.)

  5. der Rückfluss muss den Vorschuss übersteigen, sonst zehrt die Investition das Einkommen auf (296)the reflux must exceed the advance, else the investment consumes the income (296)

  6. im Wettbewerb hält Gewinn nur, wer bei der Produktivität mindestens mitzieht (297)under competition, profit lasts only for those who at least keep pace in productivity (297)

  7. BEDINGUNGCONDITIONWettbewerb — politisch stabilisiert durch gesetzliche Rahmenordnung (297)competition — politically stabilised by a legal framework of rules (297)
  8. II — WETTBEWERBSZWÄNGE · COMPETITION IMPERATIVES
  9. Arbeitsintensität und Arbeitsteilung stoßen an Grenzen — unbegrenzt steigerbar erscheint nur technologischer Fortschritt (298)labour intensity and division of labour hit limits — only technological progress appears extensible without limit (298)

  10. selbstverstärkend: jede Neuerung eröffnet weitere (298 f.)self-reinforcing: each innovation opens further ones (298 f.)

  11. im Innovationswettbewerb muss der Kapitalstock im Takt des Fortschritts erneuert werden (298)in innovation competition the capital stock must be renewed in step with progress (298)

  12. Rückkopplung auf Zwang 3: Reinvestitionen erhöhen den nötigen Gewinn (298)feedback into imperative 3: reinvestment raises the profit required (298)

  13. steigende Reinvestitionskosten sind dauerhaft nur aus wachsendem Gesamteinkommen zu decken (303)rising reinvestment costs can be covered durably only out of growing aggregate income (303)

  14. BEDINGUNGCONDITIONsteigende Kapitalintensität: mehr und teureres Sachkapital je Arbeitskraft (Kaldor) (303)rising capital intensity: more and costlier capital per worker (Kaldor) (303)
  15. III — WACHSTUMSZWÄNGE · GROWTH IMPERATIVES
  16. unter konzentriertem Vermögen wird Wachstum zur Quelle einer malignen Eigendynamik (305 f.)under concentrated wealth, growth becomes the source of a malign momentum (305 f.)

  17. BEDINGUNGCONDITIONstarke Einkommens- und Vermögensungleichheit — verschärft durch Standortwettbewerb und rückläufige Steuerprogression (301, 305)strong income and wealth inequality — sharpened by locational competition and receding tax progression (301, 305)
  18. KONSUMLÜCKECONSUMPTION GAPje massiver die Ungleichheit, desto schwächer die Konsumnachfrage (305 f.)the more massive inequality, the weaker consumer demand (305 f.)
    ANLAGESUCHENDES KAPITALCAPITAL SEEKING RETURNSFinanzanlagen schlagen Realinvestitionen; Kurse steigen selbstverstärkend (306)financial assets beat real investment; prices rise self-reinforcingly (306)
    KREDITAUSWEITUNGCREDIT EXPANSIONKredite an Haushalte und Staaten kompensieren die Konsumlücke (306)credit to households and states compensates the consumption gap (306)
    STEIGENDE GEWINNANSPRÜCHERISING PROFIT CLAIMSVermögen und Schulden akkumulieren; ihre Bedienung braucht Wachstum (306)wealth and debt accumulate mirror-image; servicing them requires growth (306)

    Zyklus schließt sich: braucht Wachstum — hemmt Wachstum (307); krisenverstärkend, bis die Blase platzt (306 f.)the cycle closes: requires growth — inhibits growth (307); crisis-amplifying until the bubble bursts (306 f.)

  19. Rückwirkung des malignen Zwangs: verschiebt die rechtfertigbaren Markt- und Wettbewerbszwänge (1–6) ins Negative — zwanghaft-pathologisch (307)feedback of the malign imperative: it shifts the justifiable market and competition imperatives (1–6) into the negative — compulsively pathological (307)

  20. »Mindestens einer der aufgewiesenen Sachzwänge ist ein maligner.«"Among the systemic necessities at least one is of a malign kind."

    Kettner/Vogel 2021, Abstract (287) — Begründung: Kasten 8Kettner/Vogel 2021, abstract (287) — argument: box 8
erzeugt den nächsten Zwang (»X braucht Y«)generates the next imperative ("X requires Y") Bedingung — veränderbare Lage der Dingecondition — a changeable state of affairs Rückkopplung: Verschärfung eines früheren Zwangsfeedback: intensifies an earlier imperative maligne Dynamik (307)malign dynamics (307) + −normative Ambivalenz: gute Gründe / Pathologierisikonormative ambivalence: good reasons / pathology risk I–IIIOberkategorien nach Abbildung 1 (293)top-level categories per Figure 1 (293)
Erweiterte Darstellung nach Abbildung 1 (293). Die Formeln in den Kästen 1–7 wörtlich nach Kettner/Vogel; Kanten, Bedingungen und Rückkopplungen folgen dem Argumentgang der Abschnitte 2–4 des Aufsatzes (Kasten 8 fasst zusammen; Wortlaut im Detailabschnitt). Kästen anklicken für Genese, Ambivalenzen und Belegstellen. Extended rendering of Figure 1 (293). The formulas in boxes 1–7 follow Kettner/Vogel verbatim; edges, conditions and feedback loops follow the argument of the paper's sections 2–4 (box 8 paraphrases; verbatim wording in its detail section). Click a box for genesis, ambivalences and page references.
1

Einkommenszwang

Marktzwangmarket imperative

»Auskommen braucht Einkommen.« (293)

"Making a living requires income." (293)

Kapitalismus ist Erwerbswirtschaft, keine Selbstversorgungswirtschaft: Produziert wird nicht primär für den Eigenbedarf, sondern für die Bedürfnisse anderer, vermittelt über Markttausch (293). Wo der Markt Selbstversorgung, Reziprozität und Redistribution verdrängt, präsentieren sich Bedürfnisse nur noch als Kaufkraft — Auskommen setzt Einkommen voraus. Aus dem Markttausch auszusteigen wäre nur noch um den Preis massiver Lebenshaltungsverluste möglich (294).

Capitalism is an acquisitive economy, not a subsistence economy: production serves not primarily one's own needs but the needs of others, mediated through market exchange (293). Where the market displaces subsistence, reciprocity and redistribution, needs count only as purchasing power — making a living presupposes income. Exiting market exchange would be possible only at the price of massive losses in one's standard of living (294).

+Gute GründeGood reasons

  • Entlastung vom Konformitätsdruck traditionaler Gemeinschaften: Der Markttausch schafft eine anonyme Sphäre ohne feste soziale Bindung (295).
  • Relief from the conformity pressure of traditional communities: market exchange creates an anonymous sphere without fixed social bonds (295).
  • Persönliche Beziehungen verlieren ihren Status ökonomischer Notwendigkeit und werden nach emotionaler Verbundenheit gestaltbar (295).
  • Personal relationships shed their status as economic necessities and become shapeable by emotional attachment (295).
  • Die vertiefte Arbeitsteilung der marktvermittelten Erwerbsarbeit erzeugt Produktivitätszuwächse — als Quelle materiellen Wohlstands Reziprozität und Redistribution überlegen (294).
  • The deepened division of labour of market-mediated work yields productivity gains — superior to reciprocity and redistribution as a source of material prosperity (294).

−PathologierisikoPathology risk

  • Die Verdrängung der Subsistenz verlief historisch oft gewaltsam — Enteignung, erzwungene Landflucht (294).
  • The displacement of subsistence was historically often violent — expropriation, forced flight from the land (294).
  • Ein Marktsystem, das Subsistenz verdrängt, ohne Kaufkraft bereitzustellen, induziert materielle Notlagen systematisch — es wird dysfunktional bzw. pathologisch (294).
  • A market system that displaces subsistence without providing purchasing power induces material hardship systematically — it becomes dysfunctional, indeed pathological (294).
  • Daraus folgt der normative Anspruch: Alle Marktakteure müssen über hinreichende Kaufkraft zur Bedarfsdeckung verfügen können (294).
  • Hence the normative claim: all market actors must be able to command sufficient purchasing power to meet their needs (294).
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2

Investitionszwang

Marktzwangmarket imperative

»Einkommen braucht Investitionen.« (293)

"Income requires investment." (293)

Nicht nur Konsumgüter, auch die Produktionsfaktoren selbst werden über Märkte bezogen: Der Kapitalismus ist »Warenproduktion mittels Waren« (Sraffa) (295). Anders als ein Haushalt muss ein Unternehmen einen monetären Vorschuss erbringen, um die Produktionsfaktoren als Voraussetzung seiner jeweiligen Produktionsleistung anzueignen — es muss systematisch in Produktionsmittel investieren, bevor es Leistungen für andere erbringen und Einkommen erwirtschaften kann (295).

Not only consumer goods but the factors of production themselves are procured through markets: capitalism is the "production of commodities by means of commodities" (Sraffa) (295). Unlike a household, an enterprise must put up a monetary advance to appropriate the factors its production requires — it must invest systematically in means of production before it can render services to others and earn income (295).

+Gute GründeGood reasons

  • Die Freiheitsperspektive der sozialen Entbettung setzt sich fort: Berufswahl jenseits der Vorgaben von Elternhaus und Tradition; die nötigen Mittel lassen sich über Märkte beschaffen (295).
  • The freedom perspective of social disembedding continues: occupational choice beyond the dictates of family and tradition, with the necessary means procurable through markets (295).
  • Produktionsmittel kommen dorthin, wo sie im Rahmen der Arbeitsteilung am effizientesten verwendet werden — und lassen sich dort stärker weiterentwickeln; Binswanger: Die »Promotion der Arbeitsteilung ist die Leistung des Kapitals« (295 f.).
  • Means of production flow to where the division of labour uses them most efficiently — and can be developed further there; Binswanger: the "promotion of the division of labour is the achievement of capital" (295 f.).

−PathologierisikoPathology risk

  • Erwerbschancen hängen am Zugang zum monetären Vorschuss: Wer ihn nicht aufbringen kann, dem bleibt der unternehmerische Erwerbsweg versperrt (295 f.).
  • Earning opportunities hinge on access to the monetary advance: whoever cannot raise it finds the entrepreneurial route closed (295 f.).
  • Mit dem Vorschuss beginnt die Kette der Verschärfungen: Aus dem Investieren-Müssen folgt unmittelbar der Gewinnzwang (296).
  • With the advance, the chain of intensifications begins: from having to invest follows directly the profit imperative (296).
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3

Gewinnzwang

Marktzwangmarket imperative

»Einkommen auf Basis von Investitionen braucht Gewinn.« (293)

"Income based on investment requires profit." (293)

Wer Einkommen auf Basis von Investitionen erzielen muss, für den muss der Rückfluss den Vorschuss übersteigen. Binswanger: »Das ganze Geschäft lohnt sich nur, wenn das Geld, das am Ende eingenommen wird, mehr ist als das Geld, das am Anfang ausgegeben wird, wenn also Gewinne entstehen« (296). Basal ist der Gewinnzwang darum keine Expansionsambition, sondern anankastische Notwendigkeit der Selbsterhaltung: Durch Gewinne muss ein auskömmliches Einkommen erwirtschaftet werden (296).

For anyone who must earn income on the basis of investment, the reflux must exceed the advance. Binswanger: "the whole business is worthwhile only if the money taken in at the end is more than the money spent at the beginning — that is, if profits arise" (296). At base, the profit imperative is thus no ambition to expand but an anankastic necessity of self-preservation: profits must yield an adequate income (296).

+Gute GründeGood reasons

  • Selbsterhaltung: Der Gewinn sichert die Existenz der Unternehmen und das Einkommen der Wirtschaftenden — eine Deckung von Lebenshaltungs- und Investitionskosten, kein Bereicherungsmotiv (296).
  • Self-preservation: profit secures the existence of enterprises and the income of those running them — covering living and investment costs, not an enrichment motive (296).
  • Expansive Gewinnabsichten mögen hinzukommen; der Zwang selbst besteht unabhängig von solchen Ambitionen (296).
  • Expansive profit ambitions may be added on; the imperative itself holds independently of such ambitions (296).

−PathologierisikoPathology risk

  • Unter Reinvestitions- und Wachstumszwängen wird aus der Selbsterhaltungsgröße eine Steigerungsgröße: Gewinne müssen wachsende Reinvestitionen mitfinanzieren (298, 303).
  • Under the reinvestment and growth imperatives, the quantum of self-preservation becomes a quantum of escalation: profits must co-finance growing reinvestment (298, 303).
  • Im volkswirtschaftlichen Aggregat muss die Gesamtmenge an Gewinn größer sein als die Gesamtmenge an Verlust — sonst schrumpft die kommerzielle Wirtschaftstätigkeit insgesamt (Binswanger) (302).
  • In the macroeconomic aggregate, total profit must exceed total loss — otherwise commercial activity shrinks as a whole (Binswanger) (302).
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4

Produktivitätszwang

Wettbewerbszwangcompetition imperative

»Stetiger Gewinn unter Wettbewerbsbedingungen braucht stetige Produktivitätssteigerung.« (293)

"Steady profit under competitive conditions requires continual increases in productivity." (293)

Märkte können auch von Monopolen oder Kartellen beherrscht werden; Wettbewerb muss politisch durch eine gesetzliche Rahmenordnung stabilisiert werden, die Preisabsprachen verbietet und effektiv sanktioniert (296 f.). Wird er zum vorherrschenden Ordnungsmuster der Märkte, entsteht ein weiterer Zwang: Wer sein Einkommen dauerhaft bewahren will, muss hinter der Produktivitätsdynamik der anderen mindestens nicht zurückfallen — der Wettbewerb konstituiert einen Produktivitätszwang (297). Drei Wege stehen offen: intensivere Arbeit und größere Könnerschaft (begrenzt durch Belastbarkeit und Lebensspanne), vertiefte Arbeitsteilung (begrenzt auf gegebenem technischen Niveau) — und fortschrittlichere Technologien (298).

Markets can equally be ruled by monopolies or cartels; competition must be stabilised politically through a legal framework that outlaws and effectively sanctions price-fixing (296 f.). Once it becomes the prevailing pattern of market order, a further imperative arises: whoever wants to keep their income durably must at least not fall behind the productivity dynamics of the others — competition constitutes a productivity imperative (297). Three routes are open: working harder and more skilfully (bounded by endurance and lifespan), a deeper division of labour (bounded at any given technical level) — and more advanced technology (298).

+Gute GründeGood reasons

  • Produktionseffizienz: aus knappen Mitteln größtmöglichen Endverbrauch erzeugen; Verwendungseffizienz: Güter, die den Bedürfnissen der VerbraucherInnen entsprechen — zusammen: Allokationseffizienz (297).
  • Production efficiency: generating the greatest possible final consumption from scarce means; use efficiency: goods matching consumers' needs — jointly: allocative efficiency (297).
  • Marktwettbewerb wirkt als anonymes Verfahren Machtkonzentrationen entgegen und ist insofern freiheitsfördernd für MarktteilnehmerInnen (Hayek) (297).
  • Market competition, as an anonymous procedure, counteracts concentrations of power and is to that extent freedom-enhancing for market participants (Hayek) (297).

−PathologierisikoPathology risk

  • Größenvorteile forcieren dennoch Machtkonzentrationen, die über den wirtschaftlichen Bereich hinaus auf die Politik übergreifen können (Stiglitz) (297).
  • Economies of scale nonetheless force concentrations of power that can reach beyond the economy into politics (Stiglitz) (297).
  • Der Wettbewerb kann als höchst strapaziöses System auftreten: marktkonforme Lebensführung zwingt zur affirmativen Bewährung im Wettbewerb (Rosa, Ulrich) (297).
  • Competition can become a highly taxing system: a market-conformant conduct of life compels affirmative self-probation in competition (Rosa, Ulrich) (297).
  • Verengt er menschliche Verwirklichungschancen in systemisch pathologischer Weise, muss er als solcher stets gestaltet und reguliert werden (297 f.).
  • Where it narrows human chances of realisation in a systemically pathological way, it must for that reason always be shaped and regulated (297 f.).
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5

Innovationszwang

Wettbewerbszwangcompetition imperative

»Stetige Produktivitätssteigerung braucht kapitalintensiven technologischen Fortschritt; dieser ist selbstbezüglich, selbstverstärkend und erscheint bislang unbegrenzt fortsetzbar.« (293)

"Continual increases in productivity require capital-intensive technological progress; this progress is self-referential, self-reinforcing, and so far appears indefinitely continuable." (293)

Bei intensivierter Arbeit und vertiefter Arbeitsteilung sind Grenzen absehbar; beim technologischen Fortschritt nicht: Jede neue Erfindung legt den Boden für weitere, bis hin zur Erschließung völlig neuer technologischer Felder. Dauerhaft im Wettbewerb behaupten kann sich daher nur, wer beim technologischen Fortschritt der Produktionskapazitäten mitzieht — ein Innovationszwang (298). Der so entfesselte Innovationswettbewerb ist ein dynamischer Strukturwandel, den Schumpeter als »schöpferische Zerstörung« erfasste (299).

Working harder and dividing labour further have foreseeable limits; technological progress does not: every new invention lays the ground for further ones, up to the opening of entirely new technological fields. Only those who keep pace with the technological progress of productive capacities can hold their ground in competition durably — an innovation imperative (298). The innovation competition thus unleashed is a dynamic structural transformation Schumpeter captured as "creative destruction" (299).

+Gute GründeGood reasons

  • Technologischer Fortschritt ist die systematische und dauerhafte Quelle des modernen Wirtschaftswachstums — und des materiellen Wohlstands (Solow, Romer) (299).
  • Technological progress is the systematic and durable source of modern economic growth — and of material prosperity (Solow, Romer) (299).
  • Die Lebensbedingungen am Vorabend dieses Wachstumsprozesses: Lebenserwartung 1820 im Weltdurchschnitt 26 Jahre, im Jahr 2000: 66 (299).
  • Living conditions on the eve of this growth process: world average life expectancy of 26 years in 1820, against 66 in 2000 (299).
  • Wettbewerb als Entdeckungsverfahren für die vielfältigen, wandelbaren Bedürfnisse der VerbraucherInnen (Hayek); Verdrängung markiert Umschichtungsprozesse, die freigesetzte Potenziale neu erschließen (299).
  • Competition as a discovery procedure for consumers' manifold, changing needs (Hayek); displacement marks processes of reallocation that put freed-up potentials to new uses (299).

−PathologierisikoPathology risk

  • Der Innovationswettbewerb entkoppelt den Erfolg vom Ausmaß der individuell verausgabten Arbeit und Leistung: Oft setzen sich glückliche Zufallstreffer durch (299).
  • Innovation competition decouples success from the amount of labour and effort individually expended: often it is lucky strikes that prevail (299).
  • Seine wohlstandssteigernde Wirkung entfaltet sich langsam, während Verdrängungseffekte gebündelt, selektiv, abrupt und drastisch auftreten (300).
  • Its prosperity-raising effect unfolds slowly, while displacement effects arrive bundled, selective, abrupt and drastic (300).
  • Legitim ist er nur, wenn die systematisch erzeugten WettbewerbsverliererInnen an den Wohlstandszuwächsen partizipieren: Der Staat muss als Sozialstaat tätig werden — Ersatzeinkommen, Umschulung, Bildungssystem, öffentliche Gesundheit; sonst droht Chronifizierung von Benachteiligung (300).
  • It is legitimate only if the losers it systematically produces share in the gains: the state must act as a welfare state — replacement incomes, retraining, education, public health; otherwise disadvantage threatens to become chronic (300).
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6

Reinvestitionszwang

Wettbewerbszwangcompetition imperative

»Die Anwendung produktiverer Technologien erfordert eine stetige Reinvestitionstätigkeit zur Modernisierung des Kapitalbestands.« (293)

"Applying more productive technologies requires continual reinvestment activity to modernise the capital stock." (293)

Für die ProduzentInnen bedeutet der Innovationswettbewerb, dass sie ihre Produktionsmittel im Gleichschritt mit dem technologischen Fortschritt stets ersetzen, entwickeln und modernisieren müssen. Sie werden zu den Vollzugsorganen dessen, was Marx den »Akkumulationsprozess des Kapitals« nannte (298). Gewinne, die nur Lebensunterhalt und anfallende Ersatzinvestitionen decken, reichen nicht mehr aus, um dauerhaft am Markt zu bestehen: Sie müssen mindestens so groß sein, dass sich aus ihnen systematische Reinvestitionen zur kontinuierlichen Modernisierung finanzieren lassen (298).

For producers, innovation competition means constantly replacing, developing and modernising their means of production in step with technological progress. They become the executive organs of what Marx called the "accumulation process of capital" (298). Profits that merely cover subsistence and routine replacement no longer suffice to stay in the market durably: they must be at least large enough to finance systematic reinvestment in continuous modernisation (298).

+Gute GründeGood reasons

  • Kontinuierliche Modernisierung des Kapitalstocks: Nur so können ProduzentInnen auf Basis ihrer Unternehmen weiterhin ein Einkommen erwirtschaften (298).
  • Continuous modernisation of the capital stock: only thus can producers go on earning an income from their enterprises (298).
  • Erst unter dieser Bedingung nimmt der Wettbewerb die Gestalt an, in der Produktivitätssteigerungen über die Grenzen erhöhter Arbeitsmühe hinausreichen (298).
  • Only under this condition does competition take the shape in which productivity gains reach beyond the limits of increased toil (298).

−PathologierisikoPathology risk

  • Die Unternehmen werden zu Vollzugsorganen eines Steigerungslaufs, der individuell unabwählbar ist (298).
  • Enterprises become executive organs of an escalation no individual can opt out of (298).
  • Rückwirkend verschärft sich der Gewinnzwang: Der nötige Gewinn wächst um die Reinvestitionserfordernisse (298).
  • The profit imperative intensifies retroactively: required profit grows by the amount reinvestment demands (298).
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Kapazitätenakkumulativer WachstumszwangKapazitätenakkumulativer Wachstumszwang

Wachstumszwanggrowth imperative

»Für stetige Gewinne unter Bedingung steigender kapitalintensiver Reinvestitionskosten braucht es Wirtschaftswachstum.« (293)

"Steady profits under the condition of rising capital-intensive reinvestment costs require economic growth." (293)

Aus dem Gewinnzwang allein lässt sich noch kein Wachstumszwang ableiten (303). Er entsteht erst dort, wo der technologische Fortschritt die Kapitalintensität hebt: Produktivere Technik ermöglicht nicht die Anwendung größerer Kapitalmengen pro ArbeiterIn — sie setzt sie voraus; mehr und kostenintensiveres technisches Kapital je Arbeitskraft wird mobilisiert (Kaldor) (303). Die proportional steigenden Reinvestitionsbeträge können Unternehmen dauerhaft und systematisch nur einnehmen, wenn Produktivitätssteigerungen nicht in mehr freie Zeit, sondern in mehr Gesamteinkommen übersetzt werden — also in Wirtschaftswachstum (303).

From the profit imperative alone no growth imperative follows (303). It arises only where technological progress raises capital intensity: more productive technology does not merely allow larger amounts of capital per worker — it presupposes them; more, and more costly, technical capital per worker is mobilised (Kaldor) (303). The proportionally rising reinvestment sums can be earned durably and systematically only if productivity gains are translated not into more free time but into more aggregate income — that is, into economic growth (303).

Drei Auswege — drei ProblemeThree exits — three problems

Der Zwang ließe sich aufheben, aber nur unter jeweils problematischen Bedingungen (304 f.):

The imperative could be lifted, but only under conditions each of which is problematic (304 f.):

1 · Monopolstrukturen1 · Monopoly structures

Sie setzten das kompetitive Ringen um Innovationen außer Kraft — um den Preis enormer Machtzusammenballungen ohne Druck, sich an den Bedürfnissen der VerbraucherInnen zu orientieren (304).

They would suspend the competitive race for innovation — at the price of enormous agglomerations of power under no pressure to serve consumers' needs (304).

2 · Marktsozialismus2 · Market socialism

Der Staat erbrächte sämtliche Investitionsleistungen — um den Preis staatlicher Machtkonzentration und populistischer Investitionsentscheidungen (304 f.).

The state would supply all investment — at the price of state concentration of power and populist investment decisions (304 f.).

3 · Massive Kapitalsteuern3 · Massive capital taxation

Maschinelles Kapital würde so besteuert, dass Investitionen kapitalintensivere Technologien nicht mehr lohnten — um den Preis massiver Deindustrialisierungsprozesse mit gravierenden sozialökonomischen Folgen (305).

Machine capital would be taxed until investing in more capital-intensive technology no longer paid — at the price of massive deindustrialisation with grave socio-economic consequences (305).

+Gute GründeGood reasons

  • Der an diesen drei Problemen bemessene Preis einer Wachstumsabkehr liefert prima facie einen guten Grund, den kapazitätenakkumulativen Wachstumszwang wertzuschätzen (305).
  • The price of a turn away from growth, measured against these three problems, supplies a prima facie good reason to value the capacity-accumulation growth imperative (305).

−PathologierisikoPathology risk

  • Negative Wachstumskonsequenzen werden akut am hohen weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen: Das Zeitfenster zur wirkungsvollen Begrenzung der Erderwärmung schließt sich rapide (305).
  • Negative consequences of growth become acute in the high global output of greenhouse gases: the window for effectively limiting warming is closing rapidly (305).
  • Sofern Wachstum hinreichend schnelle Emissionsreduktionen verhindert, liegt ein schweres Dilemma vor: Wachstumszwang bewahren — oder ökologische Nachhaltigkeit (305).
  • Insofar as growth prevents sufficiently fast emission cuts, a grave dilemma looms: preserve the growth imperative — or ecological sustainability (305).
  • »Grünes« Wachstum setzt mindestens voraus, die Innovationsquelle massiv in eine emissionssparende Richtung zu transformieren — ein hoher Gestaltungsanspruch an ein qualitatives Wachstum (305).
  • "Green" growth presupposes at minimum a massive redirection of the innovation source toward saving emissions — a demanding programme of qualitative growth (305).
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Vermögensakkumulativer WachstumszwangVermögensakkumulativer Wachstumszwang

Wachstumszwang · malignegrowth imperative · malign

»Wachstum unter Bedingungen starker Einkommensungleichheit und Vermögenskonzentration führt zu einer gewinnbedrohenden Konsumlücke; deren Kompensation braucht Verschuldungs- bzw. Kreditausweitung; die Bedienung der dadurch ansteigenden Gewinnansprüche braucht Wirtschaftswachstum.« (293)

"Growth under conditions of strong income inequality and wealth concentration leads to a profit-threatening consumption gap; compensating it requires expanding debt and credit; servicing the profit claims thereby rising requires economic growth." (293)

Menschen mit geringer Kaufkraft müssen sie vollständig für Konsumzwecke aufwenden; Menschen mit viel Kaufkraft geben relativ zur Einkommenshöhe einen immer geringeren Anteil für Konsumgüter aus. Je massiver die Ungleichheit, desto geringer fällt die Konsumnachfrage insgesamt aus (305 f.). Zugleich ist sehr viel anlagesuchendes Kapital verfügbar: Fließt es in Produktionskapazitäten, entstehen bei schwacher Konsumnachfrage unrentable Überkapazitäten; auf Finanz- und Vermögensmärkten kehrt sich die Lage um — je mehr Kapital hineinströmt, desto höher steigen die Kurse, desto sicherer werden Gewinne aus Kursspekulation. Finanzanlagen werden gegenüber Investitionen in reale Produktionskapazitäten immer attraktiver (306).

Die Konsumlücke wird über Kredite kompensiert — an Haushalte, vor allem im unteren Einkommenssegment, und an Staaten, die ihre Verteilungskapazität über Kreditaufnahme finanzieren. Das Resultat ist eine spiegelbildliche Akkumulation von Vermögen und Schulden, welche die reale Produktion mit steigenden Gewinnansprüchen belastet: Die Wirtschaft muss insgesamt wachsen, um sie zu bedienen — was ihr unter den beschriebenen Bedingungen zugleich schwerer fällt. Wächst sie nicht, erweisen sich Kredite als faul und Kurssteigerungen als Illusion; sobald die Blase platzt, folgt die Wirtschaftskrise, und Menschen setzt materielle Not aus (306 f.).

People with little purchasing power must spend all of it on consumption; people with much purchasing power spend an ever smaller share of income on consumer goods. The more massive inequality is, the lower total consumer demand turns out (305 f.). At the same time a great deal of capital is seeking returns: flowing into productive capacity it creates unprofitable overcapacity against weak consumer demand, while on financial and asset markets the situation inverts — the more capital streams in, the higher prices climb and the safer speculative gains become. Financial assets grow ever more attractive relative to investment in real productive capacity (306).

The consumption gap is compensated through credit — to households, above all in the lower income segment, and to states financing their redistributive capacity through borrowing. The result is a mirror-image accumulation of wealth and debt that burdens real production with rising profit claims: the economy must grow overall to service them — which, under the very conditions described, it finds ever harder to do. If it does not grow, loans turn bad and price gains prove illusory; once the bubble bursts, economic crisis follows and people are exposed to material hardship (306 f.).

+Gute GründeGood reasons

  • Keine. Dieser Zwang fügt sich in keinen Rechtfertigungskontext, in dem Unternehmen als wirtschaftliche Akteure ebenso plausibilisiert würden wie durch die Existenz eines Innovationswettbewerbs; Rechtfertigungsgründe der Freiheit und der Produktivität finden hier keinen Sachbezug — allenfalls ideologischen Rückhalt (307).
  • None. This imperative fits no context of justification in which enterprises would be made plausible as economic actors the way the existence of innovation competition does; justificatory grounds of freedom and productivity find no purchase here — at most ideological backing (307).

−Warum maligneWhy malign

  • Er konzentriert Macht nicht auf Basis von Leistungen für Konsumbedürfnisse, sondern durch akkumulierten Besitz — und untergräbt so Leistungs- wie Chancengerechtigkeit (307).
  • It concentrates power not on the basis of services to consumption needs but through accumulated holdings — undermining both desert-based and opportunity-based justice (307).
  • Anders als der kapazitätenakkumulative Zwang stützt er sich nicht auf die eigenständige, dauerhafte Wachstumsquelle des technologischen Fortschritts (307).
  • Unlike the capacity-accumulation imperative, it does not rest on the independent, durable growth source of technological progress (307).
  • Er wirkt wegen der relativen Abschwächung der Konsumnachfrage und der Krisenanfälligkeit sogar wachstumshemmend — der Zwang zu wachsen intensiviert sich, ohne dass eine vergleichbare Wachstumsfähigkeit entspricht; das Gesamtsystem gerät unter Druck (307).
  • Through the relative weakening of consumer demand and proneness to crisis it even inhibits growth — the compulsion to grow intensifies without a matching capacity to grow; the whole system comes under strain (307).
  • Zwanghaft-pathologisch wird der Kapitalismus unter diesen Bedingungen, weil er zur Bewahrung seiner ökonomischen Stabilität seine ambivalenten, grundsätzlich rechtfertigbaren Markt- und Wettbewerbszwänge in eine negative Richtung verschieben muss (307).
  • Under these conditions capitalism becomes compulsively pathological: to preserve its economic stability it must shift its ambivalent, in-principle justifiable market and competition imperatives in a negative direction (307).

TherapieTherapy

Eine Abdämpfung des vermögensakkumulativen Wachstumszwangs wirft — anders als die Beseitigung des kapazitätenakkumulativen — keine vergleichbaren Folgeprobleme auf (307). Als »realistische Utopie« (Rawls): Rückkehr zu deutlich progressiveren Steuersätzen, durch internationale Kooperation dem Standortwettbewerb entzogen; eine internationale Finanztransaktionssteuer; ein sozial wie ökologisch wirksam eingerahmter Freihandel (307 f.).

Damping the wealth-accumulation growth imperative — unlike abolishing the capacity-accumulation one — raises no comparable follow-on problems (307). As a "realistic utopia" (Rawls): a return to markedly more progressive tax rates, removed from locational competition through international cooperation; an international financial transaction tax; free trade effectively framed in social and ecological terms (307 f.).

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Der BefundThe verdict

»Mindestens einer der aufgewiesenen Sachzwänge ist ein maligner.«

"Among the systemic necessities at least one is of a malign kind."

Soweit Sachzwänge allgemein zustimmungswürdig bleiben, stellen sie nicht bloße Beharrungskräfte des Kapitalismus dar, sondern zugleich gute Gründe, die ihn stützen. Zwänge aber, die sich als Pathologien ähnlich wie Zwangsstörungen begreifen lassen, liefern überzeugende Gründe für eine Umgestaltung der kapitalistischen Marktwirtschaft (287). Nimmt der vermögensakkumulative Wachstumszwang überhand, wird der Spielraum der Veränderbarkeit womöglich so klein, dass keine Akteursinstanz — auch Regierungen nicht — sozial progressive Ziele verfolgen oder sich hinreichend an genuine Sachzwänge wie den Klimaschutz funktional anpassen kann; vital wichtige soziale Lernprozesse wären dann behindert oder ganz blockiert (307). Die heute noch utopische Frage, ob sich ein Postkapitalismus entwickelt, tritt vorerst hinter den realen Handlungsbedarf akuter Gegenwartskrisen zurück (308).

To the extent that systemic necessities remain worthy of general assent, they are not mere forces of capitalist inertia but at once good reasons supporting capitalism. Compulsions, however, that can be understood as pathologies akin to compulsive disorders provide compelling reasons for redesigning the capitalist market economy (287). If the wealth-accumulation growth imperative takes over, the room for change may shrink so far that no agency — governments included — can pursue socially progressive goals or adapt functionally to genuine necessities such as climate protection; vitally important social learning processes would then be hindered or blocked outright (307). The still-utopian question whether a post-capitalism will develop recedes, for now, behind the real need to act on the acute crises of the present (308).